Alles Große ist einfach, aber das Einfache ist eine Kunst.

Warum live und live nicht nur nicht dasselbe, sondern auch nicht das Gleiche ist

….und warum das gerade jetzt ein Thema für Coaching und Training ist

Ja, warum? Ein Blick in die deutsche Rechtschreibbibel, den Duden, offenbart eine zweifache Bedeutung des Wortes:

Duden, 1. Wortbedeutung:

Direkt/original übertragen; (Rundfunk, Fernsehen) als Direktsendung, in einer Direktsendung.

Duden, 2. Wortbedeutung:

In natura, in realer Anwesenheit, körperlich/konkret vorhanden, leibhaftig; (bildungssprachlich) in persona; (umgangssprachlich) zum Anfassen.

So weit, so gut. Live und live ist also nicht immer das dasselbe. Und meiner Meinung nach auch nicht das Gleiche (ja, Bastian Sick lässt an dieser Stelle schön grüßen).

Eine Übertragung durch ein technisches Medium gibt zwar Bild und Ton originalgetreu wieder, aber es ist nicht das Gleiche, als wenn man diese Szene live, also in persona, erleben würde. Jeder Musikfreund wird zweifelsohne bestätigen, dass ein Konzertmitschnitt nie so erscheint wie das gleiche Konzert, bei dem man auch dabei war – und seien die technischen Voraussetzungen noch so gut.

Warum? Zum einen, weil es anders ist, und zum anderen, weil wichtige Dinge fehlen.

Zum einen: Bild und Ton werden durch ein technisches Medium immer in irgendeiner Weise verfälscht. Und das ist unabhängig von der Qualität dieses Mediums. So wie jeder Zuschauer/Zuhörer eine Darbietung etwas anders sieht oder hört (und damit anders interpretiert), so hat auch z.B. eine Kamera ihre eigene Sicht der Dinge, und die bekommen wir dann beim Anschauen serviert. Dass eine Aufzeichnung nie so ist wie „in echt“ erlebe ich jedes Mal beim Analysieren von Videoaufzeichnungen in Rhetorikseminaren: Manche Faktoren wirken besser, manche schlechter, Dinge, die live gar nicht aufgefallen sind, erscheinen sehr prominent und umgekehrt. Der ganze Auftritt nebst Akteur wirkt anders, manchmal extrem so, manchmal eher diskret.

Auf andere Faktoren wie das Resonanzerlebnis mit anderen Menschen nebst Kontakt und Gesprächen will ich hier erst gar nicht eingehen.

Zum anderen - und das ist wahrscheinlich auch die Erklärung für das eine: Einige wichtige Faktoren, vielleicht die wichtigsten überhaupt, fehlen ganz einfach. Das, was gerne als Charisma oder Ausstrahlung bezeichnet wird. Das, was mit - bisher - messbaren Parametern nur unzureichend erklärt werden kann. Das, was wir nach den Theorien der Biologen mit dem 6. Sinn wahrnehmen, was uns die Neurologen mit der Tätigkeit sogenannter Spiegelneuronen oder die Physiker als Wirkung elektromagnetischer Felder erklären könnten.

So, und was bedeutet das jetzt für menschliche Kommunikation jeder Art? Naja, live ist halt nie gleich live, und digitale Kommunikation kann nie die Qualität einer menschlichen Begegnung haben und nie auch nur annähernd gleichwertige Ergebnisse liefern. Meist bleibt sie stecken in einer mehr oder weniger fehlerfreien Übermittlung von Information. Und das im Idealfall. Einen tiefergehenden Austausch, der eine echte menschliche Begegnung voraussetzt, kann sie meiner Meinung nach nicht liefern.

Das hat sogar die Politik erkannt, die uns in diesen Zeiten ein Kontaktverbot verordnet hat, und damit digitale Kommunikation nicht als echten Kontakt definiert. Zwar wahrscheinlich nicht bewusst beabsichtigt, nichtsdestotrotz aber äußerst zutreffend.

Weshalb ist dann derzeit das Hohe Lied des digitalen Trainierens und Coachens auf Platz 1 der Hitparade vieler KollegInnen? Wer diesen Unterschied nicht bemerkt, sollte doch besser mit Maschinen arbeiten als mit Menschen, oder? Aber für so unsensibel halte ich zumindest einen Großteil der Trainer und Coaches eigentlich nicht.

Was ist dann der Grund für die Euphorie? Na, wahrscheinlich ist er am ehesten in der unseligen Allianz von Opportunismus und Repression zu suchen (ja, auch Marc-Uwe und das Känguru zählen zu meinen Freunden) in diesen unsicheren Zeiten.

Aber: Wer (Meinungs-)Freiheit aufgibt, um (materielle) Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren (Benjamin Franklin, Klammern von mir).

Also Leute, gebt der digitalen Kommunikation den Platz, der ihr zusteht mit der Funktion, die sie auch erfüllen kann: Nämlich als Notbehelf in Ausnahmesituationen sowie als Ergänzung zu echtem menschlichem Austausch. Denn nur das kann sie realistischerweise leisten.

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