Alles Große ist einfach, aber das Einfache ist eine Kunst.

Unsichtbar

We all spend our twenties and thirties trying so hard to be perfect, because we`re so worried about what people will think of us.

Then we get in our forties and fifties, and we finally start to be free, because we decide, that we don`t give a damn what anyone thinks of us.

But you won`t be completely free until you reach your sixties and seventies, when you finally realize this liberating truth – nobody was ever thinking about you, anyhow.”

Elizabeth Gilbert: Big Magic

Ein Zitat, mit dem Leute unter 50, vor allem Frauen unter 50, wahrscheinlich eher nichts anzufangen wissen, bzw. sich fragen, wieso um alles in der Welt irgendjemand eine solche Behauptung auch noch gut findet. Denke ich mal - zumindest wäre es mir so gegangen, als ich noch in dieser Altersgruppe war.

Mittlerweile sehe ich das völlig anders. Frauen über 50 sind in der Öffentlichkeit nicht mehr sichtbar? Wunderbar! Gibt`s was Besseres? Ade Ihr zeitraubenden Quälgeister wie unbequeme Kleidung, Stiletto-Absätze, Make-up und Haarstyling, wer braucht Euch denn noch, wenn`s eh keiner sieht. Das Leben kann so unkompliziert sein. Von all den ungeahnten Möglichkeiten, die sich – wenn man dazu neigen würde – im kriminellen Milieu bieten mal ganz zu schweigen.

Auch was den Beruf des Trainers und Coachs angeht, ist das Überschreiten dieser magischen Altersgrenze unzweifelhaft von Vorteil. Eine Trainerin, die vor lauter Selbstinszenierung keinen Blick mehr für die Teilnehmer hat? Ein Coach, der im Gespräch nur seine eigenen kostbaren Gedanken, Einsichten und Gefühle zelebriert? Eine Rednerin, die auf der Bühne nur an vorteilhafte Posen und makellose Aussprache denkt und das Publikum links liegen lässt? Geschenkt, so was braucht kein Mensch (und niemand sollte dafür auch noch Geld bezahlen).

Die Gefahr, in diese Fallen zu tappen und mehr mit der Wirkung der eigenen Person beschäftigt zu sein, als mit der Teilnehmerin, dem Klienten, der Zuhörerin und vor allem dem Thema, nimmt mit steigendem Lebensalter Gott sei Dank ab (außer man/frau hat sich jeglicher persönlicher Entwicklung verweigert). Man weiß, wer man ist und was man kann und muss sich das nicht ständig bestätigen lassen, schon gleich gar nicht von den Leuten, die in diesem setting ja eigentlich im Mittelpunkt stehen sollten.

Grade im Coaching ist es von zentraler Bedeutung, dass ich mich persönlich unsichtbar machen kann, wenn es darauf ankommt. Also ein „whitewall-coaching“, beim dem der Coach nur dazu da ist, die Person, die Themen, die Ziele des Klienten möglichst pointiert in allen Facetten sichtbar zu machen. Für ein solches Abstrahieren-Können von der eigenen Person braucht es allerdings ein gerüttelt Maß an Selbsterkenntnis, und das kann man weder kaufen noch im Schnelldurchgang lernen, sondern sich nur mit Lebenserfahrung erarbeiten.

Heute morgen beim Bäcker, allerdings, hat mir ein ziemlich attraktiver Mann die Türe aufgehalten, und ich muss gestehen, da hab ich mir dann doch gewünscht, ich hätte mir vorher wenigstens die Haare gekämmt – naja, was soll`s. Das ist dann eben das oben genannte Entwicklungspotential für meine 60er und 70er.

 

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